Melancholie und Euphorie

Farin Urlaub spannt mit "Faszination Weltraum" einen großen Bogen

Mit „Faszination Weltraum“ ist sich Farin Urlaub zwar stilsicher treu geblieben, hat aber auf eindrucksvolle Art und Weise neue musikalische Akzente setzen können. Eine Gratwanderung, die nicht jedem Künstler gelingt.

15 Titel befinden sich auf dem jüngsten Soloalbum des Mitgliedes von Die Ärzte und seinem Racing Team. Damit zieht der 51-Jährige seinem Bandkollegen Bela B. Felsenheimer nach, der im Frühjahr mit „Bye“ bereits vorgelegt hatte und sich diesen November auf Tour befindet.

So harmonisch sich beide als Formation Die Ärzte auch fügen, so unterschiedlich gestalten sich ihre Soloprojekte: Bela B. orientiert sich mehr als Rock’n’Roll-Cowboy etwa an den Fußstapfen von Johnny Cash und vereint auf seiner Platte eine Mischung aus Rockabilly und Country. Farin bleibt der rockigen Linie treu, mit kleinen Ausflügen Richtung Ska und lateinamerikanischen Klängen.

Farin Urlaub - Faszination Weltraum

Elf der 15 Stücke bewegen sich dabei im Rockbereich, bei den restlichen Titeln setzt der Musiker auf andere Töne. Wenig vertreten im Vergleich zu den vorherigen Alben ist dabei dieses Mal seine eigene Umsetzung des Ska-Themas. Eine Mischung aus Ska und Rock ist lediglich in Heute tanzen zu hören. Etwas poppiger geht es hingegen in AWG zu. Interessant erscheint jedoch vor allem der Titel iDisco, der im Stile lateinamerikanischer Rhythmen mit einem beeindruckenden Gitarrenlauf daher kommt.

Dementsprechend vielfältig ist auch die Anzahl der zu hörenden Instrumente: Neben E-Gitarre, Schlagzeug und Bass gibt es etwa Streicher (zum Beispiel Das Traurigste) und Blasinstrumente (zum Beispiel AWG oder Heute tanzen). Regelrecht orchestral arrangiert und pfiffig eingearbeitet wurden diese für den Rock eher untypischen Instrumente und erscheinen dabei alles andere als unpassend.

Als fast noch eindrucksvoller sind dabei die von Farin Urlaub verfassten Texte zu beschreiben. In vielen Titeln verpackt der Musiker Gesellschaftskritik in geschickte Reime. So geht es in Dynamit um die die Hässlichkeit vieler Städte im architektonischen Sinne und es wird gleich zu Beginn die Frage gestellt: „Fragst du dich manchmal warum wir ein Dasein in Hässlichkeit fristen umgeben von Glas und Beton?“. Die Lösung: Dynamit.

Einen derartigen Ausweg aus dem Problem bietet das Lied iDisco zwar nicht an, dennoch wird etwas angesprochen, was vielen vermutlich aus der Seele spricht: „Du bist umgeben von Idioten“. Die Rede ist von Menschen, die nichts „wissen“, nur „raten“ und trotzdem meinen „Recht“ zu haben. Der Songschreiber treibt es dabei immer weiter auf die Spitze, verwendet eine passendere Phrase nach der anderen: „Denken ist verboten“, „Wissen illegal“, „Und du wünschst dieser Welt, dass endlich Hirn vom Himmel fällt“ sowie „Zum Homo Sapiens gehört nicht nur aufrecht gehen“.

Aber auch in weiteren Songs wird Kritik untergemischt. In dem eigentlich fröhlichen Stück Find dich gut kommt etwa zum Ausdruck, dass Leistungen anderer egoistisch nicht ausreichend gewürdigt werden: Lob ist ein Fremdwort. 3000 hingegen handelt von der Burnout-Problematik und fragt nach bequemen „Überlebensstrategien für das dritte Jahrtausend“. Anknüpfend daran bildet Immer dabei den eher düsteren Part des Albums zu den Themen Schizophrenie und Tod.

Eine etwas andere kritische Auseinandersetzung (vielleicht auch mit sich selbst) bietet das Stück Fan. Hier geht es um die Musikbranche, exemplarisch an einem „Star“ und seinem ehemaligen „Fan“ aufgezogen. Angesprochen werden etwa „Mainstream-Mist“, „downloadbare Massenware“ sowie banale Musik.

Auch die Frage nach dem Sinn des Lebens kommt vor und wird in AWG thematisiert. „Wozu sind wir hier?“ wird gefragt und wenig später heißt es, dass man die Antwort darauf vergebens sucht. Der entspannte Verhaltensvorschlag (ist hier etwa Altersweisheit herauszuhören?) lautet: „Egal, was soll´s? Vielleicht wird es schlimmer, klopfe auf Holz verlier nicht den Mut – nichts ist für immer, alles wird gut“. Ironisiert wird das Ganze jedoch mit dem Video zu dieser bereits zweiten Single-Auskopplung: Ein Himmel-ähnliches-Szenario wird der Tristesse auf Erden gegenübergestellt – und es gibt kein gutes Ende.

Schlaue Sprüche enthält auch das Lied Newton hatte Recht. Statt mit dem Kopf durch die Wand solle man doch einfach die Tür benutzen. Und die schlichte Schlussfolgerung lautet: „Was nicht geht, geht nicht – und was geht, geht“. Simpel, aber irgendwie richtig.

Relativ angenehm in einer Branche, wo der Markt mit dem Thema Liebe überflutet ist (denn das verkauft sich gut), ist der geringe Anteil an Stücken dieses inhaltlichen Bereichs auf dem Album. Trennungsschmerz gibt es nur bei Das Traurigste – und Herz? Verloren erzählt von einem Mann, der sich ständig neu verliebt. Schnulzig wird es aber bei keinem der beiden Stücke. Denn ein Happy End sucht man vergebens. Während dies bei Das Traugiste offensichtlich durch den Text vermittelt wird, ergänzt sich diese Information durch das sehr blutige Video zu Herz? Verloren, der ersten Single-Auskopplung des Albums.

Mit „Faszination Weltraum“ ist Farin Urlaub mit seinem Racing Team im Großen und Ganzen eine gute Mischung gelungen: Thematisch als auch musikalisch ist sein unverwechselbarer Stil erneut sichtbar geworden, nicht aber ohne neue Akzente zu setzen. Insbesondere der gespannte Bogen zwischen Melancholie und Euphorie sowie die klug eingesetzte Gegensätzlichkeit von Spaß und Ernst machen das Album interessant. Man darf auf die Umsetzung der neuen Titel bei der Tour im kommenden Jahr gespannt sein.

1 Kommentare

  1. Gesundes neues Jahr 2015. Tolle Seite hier. Wir als Fanclub der Puhdys sind natürlich auch immer auf der Suche nach anderer guter, deutscher Musik und hier bei Euch fündig geworden. Macht weiter so!

    Viele Grüße aus der Hauptstadt

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