Im Interview mit Top Shelf Jazz

Foto: David Elliss

Heute präsentiert musikgraph.de ein Interview mit der Band Top Shelf Jazz aus den UK/London. Diese Band ist auf jeden Fall eine besondere Gruppe von Leuten.

Wir haben bereits über ihre neuste EP „Gentlemen in Squalor“ berichtet, hier habt ihr die Chance sie ein bisschen besser kennen zu lernen! Aber denkt an den britischen Humor…

Here you can find the original english interview.

Genießt das Interview:

Würdest du die Band als erstes einmal vorstellen, um den Lesern einen guten Eindruck zu vermitteln?

Mein Name ist Fred und ich trete als der „moralisch geschädigte“ Bühnencharakter bekannt als „Arthur Foxaque“ auf (Das ist ein fonetisches Spiel – ich überlasse es eurer Vorstellungskraft…) und ich führe die Band, bekannt, geliebt und gehasst als Top Shelf Jazz. Wie spielen old style 30er Jahre Jazz, Dancehall und Swing und benutzen diese als mächtige Waffe des Vergnügens! Der Vorkriegs-Harem-Style- Jazz war für das Trinken und Tanzen bestimmt – er war Unterhaltung, einfach nur dafür gedacht Freude in schwierigen Zeiten zumachen. Und das ist die Art, in der wir spielen und auftreten! Geht hoch und runter in der Art, die ihr mögt!

Was ist das Besondere an eurem Musikstil und warum nennt ihr ihn „Filthy Swing“?

Wir haben eine kabarettistische Herangehensweise und wir lieben es besonders übers Trinken, über Drogen, Geld und Sex zu singen, weil das die Dinge sind, die uns am meisten gefallen! Der Musikstil, den wir spielen, wurde oft mit allen verbotenen Dingen assoziiert bevor er ein Mainstream-Genre in den frühen 40er Jahren in den USA wurde (er wurde „clean“ gemacht). Also ist „Filthy Swing“ unsere Art jedem zu sagen, dass dies der Jazz und Swing ist, wie er gemeint war!! Denkt dran, Sex ist immer mehr Spaß, wenn er verboten ist… also habt keinen Sex! Und 90 Jahre früher, war er nicht einmal legal, glaube ich? Vielleicht nicht? Aber irgendwer muss es getan haben.

Wie kommt es, dass der Bandname „Top Shelf Jazz“ ist?

Die Phrase „top shelf“ ist im UK kulturellen Kontext ein klassisches britisches double-entendre für pornografische Publikationen im Verkauf in New Agents – sie sind immer  auf den oberen Regalen, damit Kinder sie nicht erreichen können. Und daher, als junge Männer in Britannien, in der frühen Pubertät, waren wir von den mysteriösen Magazinen besessen, die wir nicht sehen durften und konnten!!! Und das ist es, worum es in unserem Jazz geht: das Verbotene, das Illegale, das Taboo. Versteckte Freuden, die plötzlich und oft grafisch (in diesen Tagen und zur heutiger Zeit!) in all ihrer fleischlichen Pracht. Amüsanterweise meint „Top Shelf“ in den USA das höchste Qualitätslevel! Ok. Das akzeptieren wir. Und in Australien meint es all die Spirituosen und Flüssigkeiten auf dem Top Rack der Bar – das sind wir auch!! Welche Bedeutung hat der Ausdruck in Deutschland? Ich hoffe er ist schmutzig!

Ihr habt ziemlich ungewöhnliche Namen. Habt ihr die Bandmitglieder nach dem Klang ihrer Namen ausgewählt?

Die Namen wurden ausgewählt und manchmal entwickelten sie sich aus einer Kombination von Persönlichkeiten und der musikalischen Rolle, die sie in der Band spielen. Fast alle haben Namen, die in einer Weise eine respektlose, „dreckige“ Referenz besitzen, die im Einklang mit der britischen Besessenheit mit sexuellen Euphemismus stehen. Es ist die typische englische Gewohnheit mit Wörtern zu spielen und ihnen eine andere Bedeutung zu geben, während sie eine ähnliche Betonung oder Schreibweise und andersherum behalten. Es sind Bühnennamen und die Rollen werden von demjenigen gespielt, der diese Position von einer Woche zur nächsten gerade ausfüllen kann – ich habe ein rotierendes Set von Bandmitgliedern – abhängig von religiösen Beobachtungen, anderer Verpflichtungen, Krankheit oder einfach nur falls sie zu betrunken sind und in verschiedenen Orten der Welt. Ich bin ursprünglich aus South Wales und wenn ich dorthin zurückkehre um für die Heimat zu spielen, wähle ich meine lokalen Musiker in Cardiff. Zum Beispiel arbeite ich mit vier verschiedenen Schlagzeugern und sie werden alle immer „Capt. Hieronymus Rimschott (Royal Hungarian Navy)“ genannt. Der Trompeter wird immer „Harry the Horn“ gerufen. Wenn wir zwei oder drei Trompeter auf der Bühne haben (was vorkam!), werden sie alle „Harry the Horn“ genannt, bloß um mehr Spaß und Verwirrung zu generieren!

Die meisten der Charaktere sind ziemlich alt, weil sie vor meiner Urgroßmutter geboren wurden (und die ist schon 2 Jahre tot). Wie kommt es, dass ihr so jung ausseht? Kannst du uns das Geheimnis eurer Schönheit erzählen?

Das Geheimnis ist der riesige Konsum von „Cheap Drink“ (die das Fast & Louche Album gesponsert haben)!! Und der Fakt, dass wir alle in einem künstlichen Kabarett-Traum leben!! Auch Zigaretten und lebhafter Sex mit enthusiastischen jungen Ladies und oder anderen Tieren. Wir nehmen auch manchmal Drogen, aber das meistens weil wir Schmerzmittel für den Kater brauchen.

Bist du inspiriert von anderen Künstlern in Style, Musik oder im Trinken?

Sicherlich! Ich bewundere große Trinker des 20. Jahrhunderts: Richard Burton; Francis Bacon; F. Scott Fitzgerald; Marlene Dietrich war bekannt dafür den „odd cocktail“ zu mögen, das versteh ich; Oliver Reed; Mahatma Ghandi und jeden letzten fröhlichen Matrosen, der jemals auf die Sieben Weltmeere gestoßen wurde – die Liste ist endlos. Meine musikalische Inspiration kommt direkt aus den 1930er Jahren, aus dem Weimarer Berliner Kabarett und den Musicals, über Django Reinhardt in Paris und Al Bowlly in London; zum heißen amerikanischem Sound von Jazz und frühem Swing, namentlich die großen Showmänner wie Cab Calloway; Fred Astaire Filme; die Marx Brüder (die mich immer noch vor Lachen weinen lassen!!) Billy Holiday; Fats Waller; Putney Dandridge. Viele andere. Ich wurde offensichtlich verflucht von den absurden Einflüssen der Bonzo Dog Band und den Monty Python Team. Ich liebe es auch mich in dem alten Stil zu kleiden. Wie auch immer, ich passe nicht in die Retro-Gruppe, seltsamerweise. Ich bin eher etwas wie ein abtrünniger Individualist: Ich gehöre zu keinem Stamm.

Die neuste EP „Gentlemen in Squalor“ erschien 2011, welcher Song ist dein persönlicher Favorit?

„Dr. Faustus“ – es ist eine politische Diatribe/Hetzrede und auch eine Homage an Marlowes und Goethes Arbeiten und dem Klassiker FW Murnau Film (der oft anstelle des ikonischen „Nosferatu“ Films in Deutschland übersehen wird).

Gibt es einen tieferen Sinn im Musikvideo zu „Gentlemen in Squalor“? Warum spielen Kinder eine besondere Rolle?

Betrunkene Leute verhalten sich wie bockige Kinder, unfähig zur Verantwortung, wenn sie einmal zu viel Schnaps hatten!! Es ist auch eine unfreiwillige Referenz zum Bugsy Malone Film. Der Video Director Alex Sufit (www.lexitricity.com), hatte die Idee und es passte zu der mehrdeutigen Botschaft die wir aussenden: wir lieben es betrunken zu werden, aber sind wir alle wirklich so fürchterlich, wenn wir es sind, nicht?!!! Wir verabscheuen gutes Benehmen, aber wir wissen auch, dass wir Idioten sind. Vielleicht mag ich einfach die britische Gesellschaft mit ihrer destruktiven Ignoranz im Allgemeinen nicht? Wer weiß…

Bekommt ihr viele Hassbriefe oder warum ist ein Song danach benannt (und warum verweist ihr in euren Contacts und auf der Homepage darauf?)? Oder hofft ihr sogar solche zu bekommen?

Wir haben die seltsam ehrlichen Beschwerden der weniger gebildeten Gesellschaft erhalten, aber wir machen uns keine Mühe auf ihre Ignoranz zu antworten. Viele Leute schreiben mit gutem Humor und Witz und es ist alles mit dem Gedanken im Hinterkopf erfolgt, dass wir unseren Hassbriefwitz auf der Bühne für die Zuschauer aufgezogen haben. Viele Leute mögen nicht was wir tun und denken, dass wir zu offensiv sind oder dass wir Jazz nicht historisch „rein“ genug spielen. Der Satz „Fuck off“ kommt mir hier in den Sinn…haha!! Ich möchte die intellektuell Schwachen vorher los werden bevor sie zu unseren heißen Live-Shows kommen! Der „Hate Mail“-Song wurde auch mit dem Gesagten im Hinterkopf geschrieben.

Auf eurer Homepage kann man viele Referenzen lesen – viele von ihnen sind nicht gerade freundlich. Ist das eine Motivation?

Das ist klassischer britischer Humor und die Intention habe ich schon oben erklärt: Wenn Leute durch die Referenzen auf unserer Site beleidigt sind, dann haben wir unseren Job getan und alle gewarnt, die unsere Live-Shows sowieso nicht mögen würden!

Macht es euch glücklich Aufruhr zu machen?

Absolut! Wir lieben es von Zeit zu Zeit die Kacke zum Dampfen zu bringen!! Mach Party oder geh nach Hause, sagen wir! Unsere Show hat pantomimische Elemente und wir nehmen uns selbst nicht wirklich ernst. Nur die Musik ist einstudiert und gekonnt  (zum größten Teil). Wenn man die Zuschauer nicht spalten kann oder einen Teil betroffen macht, dann meidet man wahrscheinlich ernstere Themen und Ideen und sollte Vodka als Heilmittel nehmen und weniger Fernsehen schaun.

Ich habe den Eindruck, dass du eine besondere Beziehung zu Deutschland hast. Das gründet sich auf der kleinen aber cleveren Beobachtung: Auf der neuesten EP kann man den Satz lesen: „Achtung! You may hear some naughty words!” außerdem tourt ihr im August und September in Deutschland und ein Song heißt “Dr. Faustus“. Was ist die besondere Verbindung zu Deutschland? Oder in anderen Worten: Warum?

KABARETT! (und exzellentes Bier). Ich bin ein natürlicher „British Continental“ um es so zu sagen und ich probiere und lerne Sprachen während meiner Teilnahmen an verschiedenen Straßenfestivals in Europa. So habe ich Französisch, Deutsch, Polnisch und Italienisch auf dem Weg in größeren oder kleineren Mengen aufgenommen. Ich singe sogar ein Lied auf Russisch, obwohl ich (noch) nicht da war! Aber um deine Frage direkt zu beantworten, die deutsche Sprache und kulturellen Referenzen im Kontext meiner Kunstform sind mit dem Avant Garde Aufführungen in Kunst und Kabarett, die aus Deutschland während der gebeutelten Jahre der Weimarer Republik kamen, gleichzusetzen. Dieser Geist blieb ungezähmt, trotz der späteren Unterdrückung durch die Nazis und die Sowjets und bewegte sich und überlebte in vielen Formen, tauchte anderswo in Europa und den USA wieder auf – Beckmann, Brecht, Weil, Dietrich und andere entkamen alle und mit ihnen überlebte die Flamme der künstlerischen Ausdrucksweise. Kriegs-Polen hatte auch eine ähnliche Kunstkultur und eine eingesessene Café Musikszene, die noch heute überlebt, zum Beispiel besonders in den dunklen Theaterproduktionen die heute noch stark sind und das gleiche gilt auch für Ungarn, glaube ich. Es ist also in einem weiteren Sinn, dass man Referenzen zur deutschen Sprache und Kultur in der „Gentlemen in Squalor“ EP findet, besonders, aber nicht allgemein, ausschließlich in unserem künstlerischen Output. Gott! Ich rede Mist, oder? Man bemerkt, ich ging zum Kunst-College!!! Haha!!

Magst du Goethe?

Nicht mehr als Caspar David Friedrich. In Hinblick auf Goethe und Faust bin ich natürlich viel vertrauter mit der englischen Tradition von Christopher Marlowe. Natürlich habe ich niemals eines ihrer Bücher gelesen. Ich sah bloß etwas auf „Youtube“ als ich voll war, denke ich… oder war es ein Film. Gott…Ich habe nicht die leiseste Ahnung, meine Liebe.

Weil wir schon mal über die Titel der Songs reden: in den Liedern „hang out the stars in Indiana“ und in „Minnesota“ singt ihr über Amerika. Habt ihr dort schon mal gespielt oder plant ihr das zu tun?!

Wir würden sehr gerne in den USA oder Kanada spielen, aber wir hatten bisher noch nicht die Chance! „Hang out the stars in Indiana“ ist ein Song der von Al Bowlly zu zwei verschiedenen Zeiten berühmt gemacht wurde!! Die Originalaufnahme als er in den UK während der 1930er Jahre sang und dann den Song, der auch in dem UK Comedy Filmklassiker „Withnail & I…“ vorkam, erschienen im Jahr 1987. Viele Leute, die damals Studenten waren (vielleicht 10 Jahre früher) sahen diesen Film und es ist ein Kultklassiker wenn man über 30 in Britannien ist! „Minnesota“ wurde von meinem Klarinettisten geschrieben, der unter dem Pseudonym „Baron von Blowpipe“ spielt und der Text wurde von seinem Freund Ray Thompson hinzugefügt. Wir lieben es, das Lied zu spielen und jeder – ohne Ausnahme – tanzt dazu!! Wir haben ein allgemeines Reise-Thema in unserer Show das Safarihüte einschließt, die wir als satirische Referenz zum Britischen Kolonialismus und die dunkle Seite der Konsequenzen nutzen. Klar, in historischen Dingen sind wir keine Erweckungsbewegung, noch schauen wir in die Vergangenheit durch rosarote Brillen – es war nichts besonders nobles in den Methoden des europäischen Kolonialismus der 20er Jahre, so viel ist sicher! Und die Britische Gesellschaft hat nicht viel anzupreisen, trotz einiger positiver Effekte ( von denen es wenige gab, meiner Meinung nach).

Auf dem Kontakt auf der EP verweist ihr auf Heiratsanträge: Wie viele bekommt ihr pro Woche und viel wichtiger, sind sie häufiger als Hassbriefe?

Wir bekommen mehr Hassbriefe als Heiratsanträge, sag es so herum!! Haha!! Wie auch immer, wir bekommen einen nie endenden Haufen von Anträgen für dreckigen Sex und freie Drinks auf Live Shows! Da wir clean lebende und moralische Bürger sind, lehnen wir natürlich höflich ab.

Warum das besondere Interesse in fine art Auktionen?

Ich war einmal ein Gigolo. Es ist ein großartiger Platz um wohlhabende Frauen aufzulesen und gut für meinen…erm „Service“ bezahlt zu werden.

Was tust du, wenn du nicht auftrittst oder Musik spielst?

Normalerweise manage ich die Band oder ich bin im Zug um zu einem Gig zu fahren oder ich komme von einem. Ab und zu habe ich Sex, öfter masturbiere ich bei Pornos. Normalerweise trinke ich. Aber am meisten erkläre ich dem Steuereintreiber, warum ich ihm nicht so viel Geld schulde, wie er denkt! Manchmal übe ich Gitarre, aber nur an besonderen Gelegenheiten wie Geburtstagen oder Ostern etc.

Denkst du, ich habe etwas vergessen? Dann sag es jetzt:

“Ich bin die fesche Lola!”. (Anm.: Original in Deutsch :D)

Nein.

Ja!

Der MP3-Dowload von „Gentlemen in Squalor“ ist jetzt verfügbar und wir werden in Berlin am 18., 20. August und 5. September sein (für Details schaut auf unsere Website). Ihr könnt uns wahrscheinlich als Straßenmusikanten an der Fußgängerbrücke  zwischen der Museums Insel und Hackesche Markt antreffen. Wir werden auch im “Balboa Castle Camp” in Schloss Beesenstadt, südlich von Magdeburg, am 3. Sept. und in der Piano Bar in Stolberg, bei Aachen, am 7. Sept sein. Letztlich kann ich mir vorstellen, dass es eine gute Wette ist, dass ihr uns an der Polnischen Grenze in Görlitz finden werdet!! Ich sehe euch in der Kabarett-Gosse!

Und zu guter letzt: Ein Rat an unsere Leser.

Wenn ihr völlig verantwortungslos, triebhaft und alkoholisch seid, dann kommt zu einer unserer Shows!! Aber denkt dran: Es war eure Idee, nicht unsere, also räumt eure eigenen betrunkenen Trümmer nachher auf!!

Danke für das Interview!

A pleasure! Danke Shave!

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Kategorie Interview

Ich bin Janina und komme aus Norddeutschland. Daher stammt wohl auch der Faible für düstere Musik (schlechtes Wetter und viel Wind ;)), die nicht ganz der Norm entspricht. Mit einem schrägen und rauen Sinn für Humor und einer großen Begeisterung für Steampunk und Mittelalter bin ich in diesem Blog für die Seitenblicke auf etwas ausgefallenere Projekte zuständig. (Janina bei Google+)

3 Kommentare

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